September 20, 2015

Tag 387

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20.09.2015

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Es ist heiß da draußen. Jeden Tag um die 40 Grad. Gefühlt auch ab und zu über 50. Trotzdem merkt man dem Wetter an, dass es kälter werden will. Mein Kilometerzähler im Yaris steht bei weit über 30000 Kilometer und ich musste im August mein eigenes gegen ein offenes Büro tauschen. Anfangs war ich ziemlich enttäuscht. Mittlerweile habe ich mich damit angefreundet. Ich hab jetzt wesentlich mehr Kontakt zu meinen Kollegen als zuvor.

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Letzte Woche habe ich meinen zweiten Film abgeschlossen. „Slips, Trips and Falls“ - ein Film über Stolperfallen während und außerhalb der Arbeitszeit. Hört sich erstmal total langweilig an, dennoch habe ich versucht das beste daraus zu machen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen denke ich. Meine Kollegen fanden ihn sehr gut. Schade nur dass außer uns und ein paar Auserwählten, sonst niemand meine Filme sehen wird.

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Das war damals bei „Tamschick Media+Space“ anders. Ich erinnere mich an Barcelona 2011. Nachdem ich fast durchgemacht hatte und mit dunklen Augenrändern morgens noch die letzten Änderungen vorgenommen hatte, erwartete mich draußen eine Schlange Wartender, die sich über das gesamte Gelände bis hin zur Straße erstreckte. Oder an Waiblingen, die die ersten Wochen überrannt wurden von Besuchern und sich mehrmals überschwänglich für die gute Arbeit bedankten. Natürlich weiß ich auch, dass das mit unverhältnismäßigem Arbeitseinsatz erkauft wurde. Das ist jetzt natürlich auch anders. Ansonsten hätte es wahrscheinlich noch länger gedauert, ehe ich mal wieder etwas geschrieben hätte.

Anfang Juni hatte ich meinen ersten Dreh fernab vom Büro. Zwei Wochen war ich mit zwei alten Kollegen aus Tamschick Zeiten, Dirk und Daniel, meinen Aramco Kollegen James, Chris, die Kameraleute Arul und Toto und Kollegen aus dem „Ithra Center“ unterwegs in den Bergen von Süd-West Saudi Arabien.

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Wir setzten fort was ich mit Tamschick damals schon in Berlin begonnen hatte. Unsere Aufgabe bestand darin Videos und Zeitraffer-Aufnahmen als 360° Panoramen zu produzieren. Arul, Toto, Chris und ich landeten in Al Baha und fuhren mit dem Taxi weiter. 400 Kilometer nördlich, hoch oben in den Bergen gelegen, bevölkert von Pavianen, die den Müll und Abfall der Menschen fressen, gelangten wir nach Abha. Ein beliebter Ferienort der Saudis. Die Sicht war bescheiden, sehr neblig und grau. Die falsche Zeit im Jahr um Landschaftsaufnahmen zu drehen. Das wussten wir vorher, mussten aber den Vertrag erfüllen. Die ersten Tage hatte ich gut zu tun. Ich war der,der sich um die Technik kümmerte und Ahnung davon hatte was wir tun. Also drehte ich mit den Kameraleuten die Orte ab.

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Mit der Zeit verstanden aber auch Chris und James wie es funktioniert und nahmen die Regie an sich und somit mir die Arbeit ab. Würde ich nochmal fahren wäre ich vorbereitet auf eine eine Kleinkinder-Egoschlacht die da kam und hätte mich einfach zurückgelehnt. Hier traf es mich kalt und ich war sehr enttäuscht. Von Zusammenarbeit konnte man nicht mehr sprechen. Jeder wollte sich irgendwie vor den anderen stellen. Das hat mich ziemlich genervt und meine Haltung änderte sich entsprechend. Am Ende der Fahrt blieb für mich nur noch die Rolle des Wasserträgers. Ganz ehrlich, so viel Unprofessionalität habe ich noch nirgendwo gesehen. Sowieso stößt man hier manchmal auf unglaubliche Arbeitsweisen, die es in einer Firma in der realen Wirtschaft niemals geben würde. Aber auch daran muss man sich hier gewöhnen und versuchen selbst professionell zu bleiben. Was ich aber mitgenommen habe sind die tollen Landschaften, die mir wiedermal ein ganz anderes Bild von Saudi Arabien zeigten und die netten Leute, die wir auf unserer Reise getroffen haben und die uns immer zum Essen einladen wollten, oder uns auch mal einen Batzen „Gout“ in die Hand drückten.

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Lisa hat vor zwei Wochen angefangen arabisch zu lernen und hat heute schon ihren vierten Kurs. Fällt nicht leicht. Der Lehrer spricht durchgängig arabisch. Ihr macht es trotzdem Spaß und sie kommt raus, lernt Leute kennen. Unsere Bekannten hier sind schon sehr beeindruckt von ihren Kenntnissen. Gestern mussten wir wieder die Grenze überqueren wie alle zwei Wochen um ihr Visa zu erneuern. Das hat gut 2 ½ Stunden gedauert. Die Zeit haben wir unter anderem genutzt mir auch ein bisschen arabisch beizubringen. Die Grenze ist voll wie eh und je. Ich habe mich aber irgendwie dran gewöhnt. Das Gehupe, das Gedrängel, die kleinen Schrammen, die man sich holt sind irgendwie okay. Wirst du angehupt heißt das: „Achtung ich komme!“ und nicht etwa „Hey du Penner!“ wie in in der Heimat. Da muss man einfach mitspielen. Wer zuerst kommt mahlt zuerst oder kriegt eine Beule. Wenn das passiert steigt man kurz aus, guckt grimmig und steigt wieder ein. Was will man auch machen wenn man von hunderten oder gar tausenden Blechhaufen umgeben ist in denen jeweils ein äußerst ungeduldiger Araber, oder genervter Expat am Steuer sitzt. Mittlerweile komme ich gut durch dieses Gewusel, auch wenn mir gestern ein junger Saudi „Fuck you“ zugerufen hat, nachdem ich ihn zuerst angemeckert hatte. Das passiert aber nur noch sehr selten, da ich gar nicht mehr meckere sondern es einfach akzeptiere und meistens sogar schmunzeln muss. Andere kriegen das nicht hin wie Chris. Der ist hier schon drei Jahre und kotzt immer noch jeden Tag über den Causeway, die Brücke, die Saudi und Bahrain verbindet, ab. Das kannst du nicht ewig durchhalten, sonst kriegst du ja irgendwann einen Schaden. Allerdings sollen Schotten noch schlimmer sein als Deutsche, wenn es um meckern und schlechte Laune geht. Was die Qualen der täglichen Überfahrt wesentlich lindert ist die Fahrgemeinschaft, die sich vor gut einem Monat zwischen Fahmi und mir gebildet hat. Inzwischen ist auch Neil an Bord und Slobodan will auch dazustoßen. Täglich 10 vor 6 treffen wir uns vor der Brücke in Bahrain, lassen unsere Autos stehen und fahren mit einem weiter. Jeden Tag jemand anderes. Das tut gut, da kann man mal die Augen schließen, wenn man nicht selber fahren muss und die Langeweile im Stau verfliegt wenn man sich unterhalten kann.

In letzter Zeit schwirren gute Angebote von gebrauchten Autos bei den Aramco Kleinanzeigen herum. Ich hatte überlegt mir eines zu kaufen. Einen Mitsubishi Pajero. Fast neu und zu einem echter Schlagerpreis. Ein echter Offroader, genau das richtige für die Straßen hier. Zweimal habe ich mir jetzt schon einen angeschaut, bin Probe gefahren. Der erste war mir zu mickrig ausgestattet, beim zweiten hatten Lisa und ich uns nach reichlicher Überlegung zum Kauf entschlossen, um dann zu erfahren, dass der Wagen schon verkauft war. Vielleicht ganz gut so. Besser Lisa hat einen Job bevor man soviel Geld ausgibt.

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Apropos, vorletzten Samstag hatte Lisa ein Bewerbungsgespräch per Telefon mit „Ernst & Young“, einer großen internationalen Anwaltsfirma in Bahrain. Ein Kollege von mir, Slobodan, hat seinem Kumpel, der zufällig dort arbeitet, ihren Lebenslauf zugesteckt. Beziehungen sind alles. Hoffentlich klappt das mal. Es wäre für Lisa, aber auch für mich eine riesige Erleichterung. Keine Ahnung wie viele Bewerbungen sie schon abgeschickt hat. Es fehlt ihrem Lebenslauf einfach an Erfahrung. Hinzu kam noch ein Gespräch mit Daimler in Dubai. Das wäre der gleiche Job, den sie auch schon in Berlin gemacht hatte.

Donnerstag vorletzte Woche, wollten wir das „Dana“ Kino bei uns gleich um die Ecke besuchen. Fahmi's Film lief da im Wettbewerb eines kleinen Filmfestivals. Ein Kurzfilm zum Thema gehörlose Menschen. Ich bin ein wenig neidisch, habe ich doch schon seit Jahren nix Eigenes mehr gedreht. Zuletzt „Daniel's Wille“ 2012. Irgendwie ist mir das entglitten. Ich bin einfach gut ausgelastet mit dem Leben hier. Ich kann mir sogar ab und an Zeit zum ausgiebigen Zocken nehmen. Die Ruhe hatte ich seit der Schule nicht mehr. Der Druck vom Filmemachen und „etwas erreichen wollen“ ist etwas gewichen. Nicht komplett, aber soweit, dass ich auch mal ohne schlechtes Gewissen die Playstation anwerfen kann. Aus dem Besuch ist allerdings nichts geworden weil der Projektor kurz vorher kaputt ging. Kann passieren, Mittlerer Osten halt. Fahmi und seine Frau Hannah kamen danach ganz geknickt rüber zu uns und wir hatten trotzdem noch einen lustigen Abend und feierten seinen Film bei uns auf dem Fernseher bei einem Drink.

Vor 4 Wochen waren wir zum ersten Mal im Tierheim von Bahrain. Irgendwie wollten wir was unternehmen und sind dann dort gelandet. Ein top gepflegtes Tierheim mit extrem kompetentem Personal. Ein kleines Katzenhaus, jede Menge Hunde, Hühner, eine Schildkröte. Die meiste Zeit verbrachten wir im Katzenhaus. Zwei junge Frauen waren dort und kämmten und schmusten mit den Katzen. Besucher wie wir, die zum Spaß ins Tierheim fahren. Wir ließen den Blick eine Runde schweifen und entdeckten jede Menge sehr hübscher Katzen in allen möglichen Farben und Formen. Einer ließ uns nicht los. Ein 2 Jahre alter, orange getigerter Halbperser, oder so, namens Ginger.

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Der sah uns mit seinen feuchten und etwas schmutzigen Augen an und schmiegte sich sofort an das Gitter um gestreichelt zu werden. Der zeigte keinerlei Angst und blieb uns für die kommende Woche stetig in Erinnerung. Täglich mussten wir an die liebe Katze denken und so holten wir ihn dann zu uns. Wir benannten ihn 2-mal um. Lisa nannte ihn zuerst Inge. Ich fand, das klingt lächerlich und ich schlug Hannibal vor, oder auch Hanni oder wenn er mal unartig ist auch Herr Lecter. Aber das trifft ganz selten zu. Er hat sich von der ersten Minute an total wohl gefühlt und keinerlei Angst gezeigt. Eben ein echter Lecter. Einmal hat er in die Badewanne gekackt, ab und zu will er sich an unseren Stühlen die Krallen stutzen, aber grundsätzlich ist er eine absolute Bereicherung. Trotzdem war die erste Woche schwierig. Lisa hatte ein ungutes Gefühl und wollte ihn fast zurückbringen. Das hat sich gelegt. Jetzt gehört er zu uns, der kleine Sack. Zurzeit müssen wir ihn mit Ohrentropfen gegen eine Infektion behandeln. Dafür hat er uns am Anfang ziemlich gehasst. Wenn er spielen will dann am liebsten mit seinen Alubällen, die wir aus Alufolie geformt haben und nicht etwa mit dem Spielzeug, das wir gekauft haben. Sein Lieblingsplatz um die Dinge gutsein zu lassen ist bei uns im Schlafzimmer am Fenster. Langsam kommen wir in eine Routine, die unser Leben hier wirklich verschönert, die allerdings dazu führt, dass Hanni nicht mehr ganz so verschmust ist wie noch am Anfang, aber immer noch herzallerliebst. Fast hat man das Gefühl das nicht wir ihn ausgesucht haben, sondern er uns.

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Vor drei Tagen hatte Lisa ihren 29sten Geburtstag. Ich hatte mir freigenommen nach einem 16 Stunden-Tag und eine kleine Überraschungsparty geplant, wohlwissend, dass Lisa Überraschungsparties hasst. Das war ein Risiko mit dem ich zurechtkommen musste. Ich plante alles perfekt durch. Erst reservierte ich in Anwesenheit von Lisa ein Tisch im Restaurant "Trader Vic's", nur um die Reservierung später zu widerrufen während Lisa "abwesend" war. Kurz bevor wir losgegangen wären sollten unsere Freunde reinplatzen. Lisa wäre ausgehfertig gewesen und hätte keine Zeit gehabt darüber nachzudenken, dass sie Überraschungsparties ja gar nicht mag. Leider ließen sich die Leute viel Zeit und mir liefen die Schweißperlen. Ich ließ mir immer mehr Gründe einfallen um Zeit zu schinden. Rauchen, Klo, Schuhe gaaanz laaangsam zuschnüren. Es half alles nichts. Ich musste ihr verraten, dass es eine Party gibt und dass wir gar keinen Tisch reserviert haben. Eine halbe Stunde später als vereinbart kamen sie dann und verwandelten unsere Zweisamkeit in eine furiose Party mit allem was dazu gehört. Ich bin immer noch überrascht, dass keine Beschwerden wegen der Lautstärke kamen und dass wir die Bude wieder sauber gekriegt haben. Alles endete nämlich darin, dass Bader den selbstmitgebrachten Schoko-Geburtstagskuchen erst in Lisa's und dann in den Gesichtern aller anderen verteilte.

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One Response to “Tag 387”

  1. Na das wurde aber Zeit, endlich wieder einen Text.
    Offensichtlich seid Ihr nun richtig angekommen und wir brauchen uns keinen Hoffnungen hinzugeben, dass Euer Abenteuer „Arabien“ bald endet und wir in Deutschland wieder aneinander wohnen. Na ja, Uropas Lebensphilosophien haben wir ja auch nicht mehr gelebt, obwohl unsere kleine DDR etwas beschrä(e)nkt war. Deine Texte sind wirklich so, dass man sich nicht nur etwas vorstellen kann, sondern man kann auch ein bisschen Gefühlslage erkennen. Das finde ich besonders gut.
    Schade dass der beschriebene Außendreh so einen faden Beigeschmack entwickelt hat, aber nicht alles ist immer „Friede-Freude-Eierkuchen“. Dann würdest Du vielleicht auch noch mehr zunehmen. Eigentlich kann man nur daran lernen – Menschen sind schon seltsame Wesen … und dann noch so janzweitdraußen (jwd). Trotzdem die Expedition kann Dir keiner nehmen.
    Ganz einfach ist das alles für Lisa ja auch nicht, jetzt hat Sie aber, neben Dir, ganztägig Hannibal. Ich bin zwar nicht so unbedingt ein Katzenfan, kann aber verstehen, dass er, na ja, die Familie rund macht. Sind „Perser“ aus politischen Gründen überhaut erlaubt, Hannibal war doch der, der mit den Elefanten über die Alpen gestiegen ist um die Römer zu ärgern. Ich kleiner Ossispießer hätte mir das natürlich ein bisschen anders vorgestellt. Wenn Lisa jetzt den Einstieg in die bahrainische Arbeitswelt schaffen kann, dann umso besser. Der Titel der Kanzlei hört sich nicht besonders arabisch an, aber offensichtlich entwickelt Ihr Euch so wie so zu Weltenbürgern. Das benannte Netzwerk steht sogar in Wikipedia. Es ist auch daran zu sehen, dass Ihr einen so internationalen Freundeskreis habt. Wenn ich da an Lisas USA Aufenthalt und Deine Trips nach Australien und Siebenbürgen denke müsstet Ihr schon ganz viel telefonieren, wenn Ihr alle Freundschaften pflegen wollt und Freunde sollte man schon pflegen…
    …lass uns nicht wieder so lange warten mit dem nächsten Text.

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