February 2, 2015

Tag 155 – Resumé

life, Lisa, Sascha Post by

27.01.2015

Der letzte Bericht ist jetzt schon länger her. Das hat Gründe. Seitdem Lisa Anfang Dezember angekommen ist, hat sich hier einiges verändert. Langeweile gibt’s nicht mehr. Die Tage und Wochen vergehen schnell. Mittlerweile haben wir den ganzen Behörden- und Papierkrieg hinter uns.

Kommendes Wochenende ziehen wir um nach Bahrain. Genauer gesagt in den Bezirk „Seef“ in einen großen Wohnkomplex. Drei 50-stöckige Hochhäuser gehören dazu. Wir haben uns für eine Wohnung in der 15. Etage entschieden. Zwei Schlafzimmer, kleiner Balkon, schöne Aussichten durch die großen Fenster. Insgesamt haben wir uns in mehreren Anläufen ein gutes dutzend Wohnungen angeschaut. Das war die Beste. Wir freuen uns schon sehr. Besonders Lisa, die schon intensiv über passende Deko nachdenkt.

Was uns hier hilft ist die Einfachheit der Dinge. Ein Beispiel: Der Mietvertrag der neuen Wohnung hat drei Seiten. Alles wird über einen Agenten organisiert, Besichtigung, Kontakt zum Vermieter. Provision bezahlt der Besitzer. Strom, Wasser, Glotze, Möbel, Parkplatz ist immer inklusive. Wir müssen nur die Miete pünktlich zahlen, und Deko kaufen natürlich. Es gibt keine Rechnungen, die man bezahlen muss, keine GEZ, keine Steuererklärung. Das Einzige, an das man denken muss sind die etlichen Ausweise, Erlaubnisse und Visums, die man rechtzeitig verlängern muss.

Mittlerweile wohne ich ein halbes Jahr in meinem Motelzimmer in Al Khobar, bin ziemlich exakt 7500 Kilometer mit meinem Yaris durch die Gegend geheizt und immerhin schon, zusammen mit Lisa, drei Tage in Dubai gewesen. Ich habe zwei Filme geschnitten und einen als Regisseur gedreht und diese Woche fertiggestellt. Dank Lisa haben wir auf dem Compound Freunde gefunden, mit denen wir uns schon ein paar mal getroffen haben.

Besonders mit Reem, unserer Nachbarin, hat Lisa fast täglich Kontakt, geht mit ihr Sport machen (!) Tee trinken oder shoppen. Reem wohnt schon über ein Jahr in einem der Motelzimmer. Im Gegensatz zu uns hat sie sich komplett selber eingerichtet, hat die gegebenen Möbel gegen eigene ausgetauscht. Reem ist eine Saudi, zierlich und schätzungsweise Mitte dreißig. Sie hat einen amerikanischen und einen saudischen Pass. Letzterer wurde ihr entzogen, was für sie bedeutet, dass sie nicht reisen kann und uns dementsprechend vorerst auch nicht in Bahrain besuchen kann. An ihrer selbstbewussten, lockeren Art ändert das glücklicherweise nichts. Sie erzählt gerne viel, manchmal zuviel. Sie weiß unglaublich viel und hat uns schon oft mit Geschichten und Fakten, besonders aus Saudi unterhalten.

Vor drei Tagen ist der Saudische König Abdullah verstorben. Er wurde neunzig Jahre alt und war recht beliebt. Sein kaum jüngerer Halbbruder Salman ist nun König und alle fragen sich, was wird sich ändern? Der Radiosender hier bei uns läuft stumm, die anderen Sender zitieren den Koran, 24 Stunden am Tag. Die Banken hatten die letzten zwei Tage geschlossen.

Als Abdullah 2005 König wurde erhielten alle Staatsangestellten und Aramco Mitarbeiter ein komplettes Gehalt geschenkt. Falls das wieder passiert, werde ich wohl nicht davon betroffen sein. Bin ja „nur“ ein Contractor. Ob ich innerhalb der nächsten Jahre direkt angestellt werde, was viele erhebliche Verbesserungen mit sich bringen würde, halte ich immer mehr für unwahrscheinlich. Dieses Jahr soll es gar keine Übernahmen geben. Dem niedrigen Ölpreis geschuldet. Man sagt, dass Saudi Aramco täglich 600 Millionen Dollar weniger verdient bzw. verliert als vor dem Sinkflug. Da der niedrige Preis mit Absicht durch Saudi Arabien verursacht wurde und alles ziemlich berechnet scheint, brauch ich mir um meinen Job aber keine Sorgen machen, denke ich.

Diese Woche ist es für mich ruhig auf Arbeit. Ich muss einen Tag nachdrehen für meinen Film. Leider ist die gesamte Kameracrew die komplette Woche ausgeflogen. Für mein nächstes Schnittprojekt wird die Woche noch gedreht. In solch einer Phase versuche ich mich selber zu beschäftigen. Das fällt nicht so leicht. Ich bin nicht so „einflussreich“ wie bei Tamschick in Berlin. Es gibt für alles Leute. Vor gut einem Monat wurde unser Chef, Osama, frei nach dem Rotationsprinzip, durch einen anderen, Omar, ersetzt. Das ist schade, da ich das Gefühl hatte, dass Osama mich und meine Arbeit schätzt. Für den neuen sind alle erstmal gleich. Also muss ich mich erstmal wieder beweisen.

Ich kann mittlerweile sagen, dass sich das Leben hier normal anfühlt. Selbst das winzige Motelzimmer fühlt sich fast wie ein zuhause an. Das liegt vor allem an Lisa und dem Fakt, dass wir alle unsere nervigen Behördengänge hinter uns haben und uns nun auf unsere eigenen Vorhaben konzentrieren können. Für mich persönlich wirkt das alles hier zwar immer noch etwas unwirklich, aber doch auch gewohnt. Der seltsame Geruch hier ist gewichen, ebenso wie die Furcht vor dem Verkehr und der Unsicherheit einfach so zu Orten zu fahren und diese für sich zu entdecken.

Das Wetter hat sich seit Ende Oktober vermenschlicht. Es ist eigentlich perfekt. Die Sonne scheint fast immer, nachts ist es angenehm kühl. Noch zwei, drei Monate, dann wird es wieder heiß. Dann heißt es Klimaanlage an und bloß nicht länger als fünf Minuten nach draußen gehen.

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2 Responses to “Tag 155 – Resumé”

  1. Hallo, das hört sich ja gut an. Der Bericht ist durchaus geeignet manche Bedenken oder Ängste, die z.B. Annette hatte, zu zerstreuen. Wir beschäftigen uns mehr denn je mit diesem anderen Kulturkreis ohne wirklich zu verstehen, dass es auch einen Alltag gibt, der vielleicht nicht nur anders, sondern mit einem neuen Weitblich verbunden ist. Das bezieht sich nicht nur auf den grandiosen Ausblick aus Eurer neuen Wohnung, das macht was mit Euch. Stellt Ihr Euch denn gelegentlich mal den Ausblick aus dem Fenster in der Nöldner Str., Elsa-Brändström-Str., Stockholmer Str. vor? Zumindest gab es die Gefahr, dass die zu Sackgassen mutieren. Ich beneide Euch, wir sind mit Eurem Alter immer im Kreis gelaufen.
    Übrigens, Lisa hat auch einen spannenden Schreibstil…und noch hat Sie Zeit.

  2. Hey Sascha, habe gerade deine neuen Zeilen mit großem Interesse gelesen.waren, welche wieder sehr interessant waren.Freue mich schon wieder auf den nächsten Bericht.Aber jetzt lebt euch erstmal richtig in eurer neuen,sehr schönen Wohnung ein.
    Lasst es euch gut gehen und passt auf euch auf.
    seid ganz lieb gegrüßt
    Giddilein

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