December 3, 2014

Tag 77 – Whisky

life, Sascha Post by

Warnung: Dieser Bericht entstand unter Einfluss von hartem Alk.

Zwei Wahrheiten, die man nur unter besonderen Umständen erkennt. Flugzeugkopfhörer sind scheiße. Bringe immer deinen eigenen, guten Kopfhörer mit auf eine Langstrecke und am besten einen Kopfhörer-Adapter von Flugzeug (2 x Mono) auf deine Kopfhörer (Stereo).

Die besten Filme, die man im Flugzeug auf einer Langstrecke gucken kann sind Kriminalfilme Schrägstrich Agentenfilme. Ruhig und atmosphärisch. Der Schwerpunkt liegt auf den Charakteren, nicht auf dem Effekt. Hilfreich auf einem Bildschirm kaum größer als mein Handy.

Angefangen habe ich mit „Guardians of the Galaxy“. Ein fetter Hollywood Blockbuster, für jeden unter 40 die erste Wahl im Multimediaprogramm der KLM im November 2014. Nach weniger als fünf Minuten habe ich ausgeschaltet, in der Hoffnung den Film irgendwann im Kino sehen zu können. Die zweite Wahl fiel auf „A Most Wanted Man“. Ein Agentenfilm. Ruhig gefilmt und geschnitten, angesiedelt in Hamburg und gefüllt mit amerikanischen und deutschen Schauspielern. Größtenteils im dunkeln spielend. Absolut atmosphärisch.

Zu zweit in einer Viererreihe habe ich den Film sehr genossen. Der letzte Film mit einem der besten, echtesten Schauspieler den ich kenne. Kurz nach dem Dreh hatte er sich das Leben genommen.

Während dem Film gab es erst ein Erfrischungstuch, dann einen Snack, dann das Abendbrot, gefolgt von zwei Whisky und einem Cognac. Jetzt hör ich Sam Smith.

Knapp zehn Wochen war ich in Saudi Arabien. Mein zweitlängster Aufenthalt fernab der Heimat. Übertroffen nur von meiner Zeit in Australien vor fünf Jahren als Backpacker.

Am Anfang dachte ich kurz, dass ich es nicht schaffe. Man muss sich eine Wand vorstellen. Man selbst steht davor und hat die Wahl sich rückwärts fallen zu lassen auf einen vermeintlich weichen Boden aus Watte „Made in Germany“. Oder man kann versuchen die Wand zu erklimmen um oben angekommen gen Mekka zu schauen. Zum Glück bin ich durch Dienstreisen in verschiedene Länder und Orte in Deutschland etwas abgehärtet, oder auch abgestumpft, was in etwa das Gleiche bedeutet . Auch ist es dem, nicht immer leichten Aufenthalt in Australien geschuldet, dass ich es versuche und meine Bedürfnisse nach Gemütlichkeit und Gewohntem warten lasse. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich kann nur jedem sagen, dass man diese Erfahrungen nicht umsonst bekommt, sondern man dafür kämpfen muss. Das geht nur, wenn man überzeugt davon ist. Von der der Sache oder dem Ziel, welches dadurch erreichbar erscheint.

Wenn man etwas nur wegen Geld macht, oder aus dem so verbreiteten wie banalen Grund, dass man es ja machen muss, dann wird es nicht klappen. Man braucht einfach mehr als rationale Gründe um länger als eine Woche in Saudi Arabien zu bleiben. Man braucht auch Träume und Hoffnung.

Als ich vor ein paar Monaten auf der Couch bei meinem Psychologen in Berlin lag und ihm zum ersten Mal von Saudi Arabien erzählt habe, sagte ich ihm, dass ich mir in nur zwei Jahren meinen Traumwagen zusammensparen könnte. Wie banal ein Auto als Grund für so etwas auch scheint, wenn man es deswegen zwei Jahre durchzieht, dann sind das zwei Jahre länger als es die meisten Menschen je getan haben oder tun werden. Ob ich mit dem Geld, dass ich dort verdiene ein Auto kaufe, eine Wohnung oder einfach ein Feuerchen mache, die Zeit und die Erfahrungen kann einem niemand nehmen. Davon wird man immer zehren können. Das ist was am Ende zählt.

Zehn Wochen sind jetzt vorüber. Die Wand, die sich anfangs vor mir aufgebaut hatte, verläuft mittlerweile anstatt senkrecht nur noch leicht schräg. Ich habe alles an Dokumenten was ich brauche. Ich habe ein Auto, einen Führerschein, einen offiziellen Ausweis für Saudi Aramco und Saudi Arabien, eine arabische Krankenversicherung, eine arabische Telefonnummer, arabisches Internet sowie eine arabisches Bankkonto. Vieles war anstrengend und kompliziert zu bekommen. Anderes war viel unkomplizierter als in der Heimat. Zum Beispiel das Bankkonto, bei dessen Anmeldung ich noch am selben Tag meine Visa Karte bekommen habe. Übrig bleibt nur noch Lisas Einladung nach Saudi Arabien, die ich fasst schon in den Händen hielt. Am Tag vor meinem Flug nach Deutschland stand nur das „Sala“ zwischen mir und dem entscheidenden Puzzlestück von Lisas Visum. Die alltägliche Pause des Saudi Arabischen Alltags-Lebens, zwischen 11:30 und 12:30 Uhr.

Eine arabische Weisheit lautet übrigens: „Scheiß drauf, wenn nicht heute, dann morgen!“ Das ist hier des öfteren so, daran kann man nichts ändern, daran muss man sich gewöhnen. Genauso wie an den Verkehr. Der ist nur so gefährlich wie man es selbst zulässt. Eine deutsche Autobahn ist nicht weniger gefährlich wie ein saudischer Highway. Die Unterschiede sind klar. In Deutschland „darf“ man 200 km/h und mehr fahren, in Saudi nicht, aber sie tun es trotzdem. Wenn man das weiß, dann hat man was gelernt. Ja, man wird ständig geschnitten. Leute in riesenhaften Autos überqueren eine vierspurige Autobahn längs ohne zu gucken, knallen links und rechts neben dir vorbei obwohl da gar keine Fahrbahn ist, machen nachts die Scheinwerfer nicht an, fahren auf der Gegenfahrbahn und letztlich wird man ständig ausgehupt und weggelichthupt, aber wenn man sich dran gewöhnt hat, dann ist das nur noch halb so schlimm. Es ist eher entspannter als bei uns. Es gibt nur ein paar feste Blitzer die jeder kennt, Blinken tun nur Angsthasen und Hupen ist nie böse gemeint wie in Deutschland, sondern ein Hilferuf oder ein „auf sich aufmerksam machen“. Ich weiß, dass ich in Deutschland wesentlich aggressiver fahre als in Saudi.

Als ich Lisa heute am Flughafen verabschiedet habe hat sich das noch so angefühlt, als ob man die Heimat verlässt und das fühlt sich scheiße an. Viele kennen das. Man geht auf eine Reise, die weiter und länger ist als sonst. Wenn man wiederkommt scheint alles so vertraut und man weiß seine Heimat einmal mehr zu schätzen. Als ich nach 6 Monaten aus Australien zurückgekommen bin, hätte ich jeden Penner im Gesundbrunnen umarmen können. Ich wusste genau was es bei einem deutschen Bäcker geben würde, und wie ich mich in der Öffentlichkeit benehmen musste (nämlich gar nicht). Das ist einzigartig unter den Teilen der Welt, die ich schon bereist habe. Deutschland ist und bleibt das freieste Land der Erde und deshalb wird es immer die Heimat bleiben, die beste die es geben kann.

life, Sascha post by .

Share Post

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *